Prof. Dr. Thomas Schmaus 

Zukunft! Welche Zukunft? Zeitvorstellungen in Zeiten der Digitalisierung 
Über eine Differenzierung von Niklas Luhmann lässt sich der Prozess der Modernisierung als Transformation von Gefahren in Risiken charakterisieren. Während eine Gefahr als unberechenbare Größe erscheint, die der eigenen Verfügung entzogen ist, liegt ein Risiko wenigstens bedingt in der Entscheidungsgewalt eines Individuums, einer Gruppe oder der Gesellschaft: Für dessen Vermeidung, Verminderung oder Beherrschung kann man etwas tun, wenn man vorherschauend agiert. Mit den Möglichkeiten, die durch die Digitalisierung, insbesondere durch Big Data, eröffnet werden, erhält diese Transformation von Gefahren in Risiken einen gewaltigen Schub. Die systematische Erfassung, Vernetzung, Verarbeitung und Auswertung von Daten führt zu Prognosen, die als Basis für präventive Maßnahmen dienen können. 
Der Vortrag fokussiert auf eine bisher wenig beachtete Implikation dieses Transformationsprozesses. Sie hat mit dem Zeitverständnis und den Zeiterfahrungen zu tun, die damit einhergehen und gefördert werden, während andere strukturell vernachlässigt oder unterbunden werden. Zukunft wird hier nämlich als etwas verstanden, was sich aus der Vergangenheit und Gegenwart ableiten, berechnen und prognostizieren lässt. Dieses Zukunftsverständnis, das man mit dem lateinischen Wort „Futurum“ benennen kann, ist aber nicht das einzige, das Menschen haben, wenn sie nach vorne schauen. Zukunft kann auch als etwas erfahren werden, was gleichsam von vorne auf mich zukommt, was unberechenbar ist, nicht aus Vorherigem abgeleitet werden kann und Überraschungen bereithalt, wofür das lateinische Wort „Adventum“ steht. Die dem entsprechende Haltung der Zukunft gegenüber unterscheidet sich von einer, welche Zukunft als Futurum interpretiert. Der Vortrag erläutert die Unterschiede dieser beiden Zukunftsweisen und verortet sie in zwei Zeitvorstellungen, die man als chronologisch und kairologisch bezeichnen kann. Auf dieser Basis wird dafür argumentiert, bei der Bildung im Dispositiv des Digitalen nicht nur die chronologische, sondern auch die kairologische Kompetenz zu fördern, damit die menschliche Zukunftsfähigkeit nicht auf das Futurum reduziert wird. Ästhetische Bildung ist hier von besonderer Bedeutung. Ohne ein Gespür für das Adventum, können kreative Prozesse nicht gelingen.