Prof. Dr. Krassimir Stojanov

Halbbildung als De-Subjektivierung on- und offline

 

Die zentrale These meines Beitrags ist, dass sich Theodor W. Adornos Begriff der Halbbildung erstaunlich gut für die Erklärung der Mechanismen der Entstehung und Verbreitung von rechtspopulistischen Einstellungen eignet. Besonders aktuell bei der Halbbildung ist ihre Tendenz, gesellschaftlichen Kräften zuzuarbeiten, die „[d]as Besondere und Einzelne samt seiner Widerstandskraft zu zertrümmern“   bedrohen, und zwar zugunsten einer abstrakten und amorphen Homogenität. Dadurch fördert die Halbbildung autoritäre Charakteren, die sowohl ihre eigene Individualität wie auch die Individualität ihrer Mitmenschen durch Eigen- und Fremdkollektivierung abwürgen bzw. nicht anerkennen. Halbbildung kommt in erster Linie in klischeehaften und zugleich prätentiös-narzisstischen Wirklichkeitsdeutungen zum Vorschein, die eine differenzierte Sachlichkeit im Denken und Debattieren verunmöglichen. Sie äußert sich vor allem in kulturalistischen Zuordnungen und Kollektivierungen von menschlichen Individuen – vor allem von solchen mit so genanntem „Migrationshintergrund“. Paradoxerweise kommt sie in erster Linie durch die Art und Weise zustande, wie über „Bildung“ selbst und insbesondere über „bildungsfremden“ und „bildungsnahen“ Schichten in der breiten Öffentlichkeit diskutiert und wie ein entsprechendes kulturalistisches Bildungsverständnis sich in Pädagogik und Bildungspolitik breitmacht.

Dies legt nahe, dass Adornos Identifizierung der „Kulturindustrie“ als angeblich objektive Seite von Halbbildung heute kaum mehr haltbar ist. Bekanntermaßen hat Adorno unter dem Begriff der Kulturindustrie sehr verschiedene kulturelle Phänomene wie Schlagermusik und Jazz, faschistische Propaganda und Hollywood-Filme zusammengefasst. Dabei hat er emanzipative und gesellschaftskritische Potenziale nicht erkennen können, die in der Massenkultur – etwa in der Rockmusik der 1960er Jahren – auch enthalten sind. Vor allem kann die kommerzielle Unterhaltungskultur nicht alleine für die Verbreitung von Halbbildung und die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Pathologien verantwortlich gemacht werden. Vielmehr wird Halbbildung – so meine These – in erster Linie durch politische, publizistische und pädagogische Diskurse über „Kultur“ und „Identität“ erzeugt, die in Zeitungen, Sachbüchern und insbesondere in den Sozialen Medien stattfinden. Diese Diskurse werden zwar sicherlich durch bestimmte kulturindustrielle Mechanismen beeinflusst, aber sie lassen sich nicht auf die letzteren zurückführen. In dem Beitrag werden vor allem Kommunikationsstille in den Sozialen Medien und die dort entstehenden Echokammern als Brutstätten von Halbbildung thematisiert.